„Ich war immer für alle da – bis ich selbst nicht mehr konnte“ – Dekan Rainer Köpf über sein Burnout
Leistungsfähig bleiben, ohne auszubrennen: Warum Erholung Führung braucht
Wer viel Verantwortung trägt, kennt das Gefühl: Der Kalender ist voll, die Ansprüche sind hoch – und trotzdem soll für Familie, Freunde, Sport und das eigene Leben noch Platz bleiben. Das Problem ist nicht, dass du zu wenig leistest. Das Problem beginnt dort, wo Leistung dauerhaft auf Kosten der eigenen Energie geht.
Dekan Rainer Köpf kennt das selbst zu gut. 1964 in der Schillerstadt Marbach geboren, übernimmt er nicht – wie von der Familie erhofft – den elterlichen Metzgerbetrieb, sondern studiert Theologie. Zunächst ist er Gemeindepfarrer an zwei Stationen, bevor er nach rund 30 Jahren Berufserfahrung das Dekanat in Backnang übernimmt und leitet.
Hohe Leistung ist nicht das Problem. Dauerhafte Überlastung schon.
Gerade engagierte Personen merken oft spät, dass ihre Belastung zu hoch geworden ist. Sie funktionieren weiter, sagen noch einmal Ja und verschieben Erholung auf später. Genau dieses „später“ wird jedoch schnell zur Gewohnheit.
Rainer Köpf berichtet, wie es ist, wenn man in der Öffentlichkeit steht. Nicht umsonst hieße sein Beruf „ständiger Pfarrer“. Ständig wird man angesprochen: auf der Straße, beim Einkaufen, auf Jahresfeiern. Das gehöre zum Beruf und ist auch gut so. Dennoch zehrt es mit der Zeit an einem. „Ich habe auf allen Ebenen gearbeitet. Alle Angebote fanden Resonanz. Weihnachtsmarkt, Zeltwoche, Musicals, … das ganze Dorf hat mitgemacht und Hunderte sind gekommen – zum Glauben gekommen. Aber ich war völlig am Ende.“
Er trug Sorge für die gesamte Gemeinde. Und auf einmal musste er für seinen Atem Sorge tragen. Das, was eigentlich automatisch in unserem Körper abläuft, hat seine volle Aufmerksamkeit gefordert. Dazu noch ein Tinnitus und die große Angst, die ihn mit voller Kraft nach unten gezogen hat. Jeder Tag lag vor ihm wie ein Himalaya-Gebirge. „Das war furchtbar.“
Die Ärztin stellte schnell fest:
Das ist ein Burnout. Da hilft nur noch die Reißleine ziehen!
Genau das ist das Wichtige zu verstehen, bevor es soweit kommt:
Stress-Management bedeutet deshalb nicht, weniger ambitioniert zu sein. Es bedeutet, die eigene Leistungsfähigkeit so zu steuern, dass sie auch morgen noch verfügbar ist.
Wer viel gibt, muss auch darauf achten, sich selbst viel zu geben. Nur geben funktioniert nicht. Davon geht der eigene Akku in Kürze kaputt.
Hoffnung haben
Deshalb entschied sich Rainer Köpf für einen Hund. Anton zog ins Pfarrhaus ein. Ab sofort musste er mit ihm Gassi gehen. Meist die gleiche Runde: „Das war für mich berührend: der Hund ist manchmal stehen geblieben und hat einfach nur gerochen – was völlig nutzlos ist, da wird ja nichts produziert! Wenn man im Handwerk groß wird, muss immer was dabei rauskommen, also muss immer was produziert werden! Der Wert des Menschen besteht ja in dem, was du tust und was du hast – das ist ein großer Glaube unserer Zeit – aber ich bin dann einfach hingestanden und habe auch gerochen und geguckt und gewartet.“
In den Wochen und Monaten drauf machte er eine besondere Erfahrung und spürte die Gegenwart Gottes intensiv.: „Ich bin jeden Tag um dieses Feld gegangen. Das hat sich verändert: es wurde Frühling, Sommer, Herbst und Winter, ohne dass der Ortspfarrer es organisieren musste. Da wurde gesorgt; da ist einer, der sorgt für all das; er sorgt auch für mich. Genau diese Erfahrung, dass einer sorgt, der größer ist als ich und mich hält und bewahrt – das war der Wendepunkt meiner Krise.“
Seit diesem Moment plant er seinen Jahresurlaub ganz bewusst zuerst. „Put yourself in the calendar first“ stellt sicher, dass man zwischen all seinen Terminen nicht untergeht und sich Zeit für Erholung nimmt.
Erholung passiert nicht automatisch
Ein freier Abend ist nicht automatisch Erholung. Wer dabei gedanklich weiter im Job steckt, Mails beantwortet oder den nächsten Tag plant, hat zwar Pause – aber noch keine echte Regeneration.
Erholung braucht deshalb genauso bewusst Platz wie ein Meeting.
Frag dich: Was lädt meinen Akku tatsächlich auf? Bewegung? Zeit mit Menschen? Natur? Kreativität? Schlaf? Ruhe? Und vor allem: Was davon findet in meinem Alltag wirklich statt?
Dekan Köpf geht morgens erst mal eine Runde an die frische Luft: Nordic Walking gibt ihm den Ausgleich für den Alltag. Übers Jahr gesehen gönnt er sich zwei Wochen Auszeit an der Nordsee. Allein. Stille aushalten. Seine Gedanken wahrnehmen. Ohne Ablenkung.
Dabei kann er Momente sammeln, von denen er lange zehren kann. Wie die Maus Frederick, die Sonnenstrahlen sammelt für den Winter – so sammelt Rainer Köpf schöne Momente für sein Leben, wenn mal wieder dunkle Wolken aufziehen sollten.
5 Stellschrauben für mehr Energie im Alltag
Was kannst du dir davon abschauen?
- Grenzen sichtbar machen. Definiere klare Zeiten, in denen du nicht erreichbar bist. Eine Grenze ist keine Schwäche, sondern eine Führungsentscheidung.
- Erholung planen. Trag deine Regenerationszeiten genauso verbindlich in deinen Kalender ein wie wichtige Termine.
- Frühwarnzeichen ernst nehmen. Gereiztheit, Schlafprobleme, innere Unruhe, Konzentrationsprobleme oder das Gefühl, ständig „noch schnell“ etwas erledigen zu müssen, solltest du nicht einfach wegorganisieren.
- Zwischen Muss und Will unterscheiden. Nicht jede Aufgabe braucht deine Energie. Frag dich: Was muss ich tun – und was will ich tun? Diese Unterscheidung kann erstaunlich viel Druck herausnehmen.
- Identität nicht nur über Leistung definieren. Deine Position, dein Erfolg und deine Verantwortung sind wichtige Teile deines Lebens. Sie sind aber nicht dein gesamtes Leben.
Was Führung mit Selbstführung zu tun hat
Führung beginnt nicht damit, Verantwortung für ein Team zu übernehmen, sondern schon viel früher. Sie beginnt beim Umgang mit der eigenen Energie, Aufmerksamkeit und Belastungsgrenze. Wer permanent über die eigenen Grenzen geht, sendet – bewusst oder unbewusst – auch ein Signal an das Umfeld: So sieht Engagement aus.
Professionelle Selbstführung bedeutet dagegen: Ich kenne meine Ressourcen, erkenne meine Grenzen und treffe rechtzeitig Entscheidungen. Genau hier setzt gute Burnoutprävention an.
Nicht erst reagieren, wenn nichts mehr geht
Burnoutprävention ist keine Sammlung von Wellness-Tipps. Es geht darum, Belastung und Regeneration dauerhaft in ein gesundes Verhältnis zu bringen. Anspannung gehört zum Leben und auch zu anspruchsvollen Jobs, genauso wie Entspannung. Beides sollte wie eine Wippe in Balance sein.
Wenn du viel erreichen möchtest, musst du aus Sorge vor Burnout nicht weniger wollen. Doch du solltest auf deine Entspannung achten und wie du rechtzeitig wieder auftanken kannst.
Impulse für Unternehmen: Gesundheit braucht gute Gespräche
Genau diese Themen bringe ich auch in Unternehmen beispielsweise bei Gesundheitstagen. Dabei verbinde ich fachliche Expertise mit alltagstauglichen Strategien. Mein Ziel: Menschen sollen nach einem Vortrag nicht nur etwas verstanden haben, sondern etwas mitnehmen, das sie sofort tatsächlich anwenden können.
Auch Workshops und Coachings für Führungskräfte, Teams und Einzelpersonen können dabei helfen, Stressmuster früh zu erkennen und Selbstführung praktisch zu trainieren.
Mein wichtigster Gedanke
Du musst nicht erst ausbrennen, um etwas zu verändern. Leistungsfähigkeit und Erholung sind keine Gegensätze. Sie gehören zusammen.
Wer langfristig viel bewegen möchte, sollte deshalb nicht nur fragen: Wie schaffe ich noch mehr?
Sondern auch: Wie sorge ich dafür, dass ich die Energie dafür behalte?
Wenn du dir dabei Support wünschst, melde dich hier.
Du willst mehr dazu hören? Hier geht’s zur Episode (KOPFSACHE Nr. 182):
Über die Autorin
Patricia Zinnecker ist Sprachpsychologin (M.A.) IHK-zertifizierte Stress-Managerin, geprüfte IHK Managerin für Betriebliches Gesundheitsmanagement, ehemalige Burnout-Betroffene und heute Burnout-Coach. Sie hilft Führungskräften und Entscheider:innen leistungsfähig zu bleiben ohne auszubrennen: Mit Coachings, Vorträgen und Workshops rund um Burnout-Prävention und Selbstführung. Außerdem betreibt sie einen Podcast und hat bereits zwei Bücher veröffentlicht.
Ähnliche Artikel
Klicke auf das Bild, um den Blogartikel zu öffnen.
Du funktionierst… aber wie lange noch? 7 Antworten auf Stress & Burnout
Du brauchst nicht mehr Disziplin. Du brauchst ein System, das dich nicht ausbrennt. Du funktionierst noch. Aber wie lange noch? Du hast einen guten Job. Verantwortung. Ein ordentliches Gehalt. Vielleicht eine schöne Uhr am Handgelenk [...]
So langweilig, dass du 0 Likes dafür bekommst – aber halt auch keinen Burnout!
Die 5 langweiligsten Anti-Burnout-Tipps der Welt. Und der Grund, warum du sie trotzdem lesen solltest. Kein Sabbatical. Kein Retreat. Kein Bali. Was meinen Burnout hätte verhindern können, war so unspektakulär, dass ich fast schäme, es [...]
„Ich war immer für alle da – bis ich selbst nicht mehr konnte“ – Dekan Rainer Köpf über sein Burnout
Leistungsfähig bleiben, ohne auszubrennen: Warum Erholung Führung braucht Wer viel Verantwortung trägt, kennt das Gefühl: Der Kalender ist voll, die Ansprüche sind hoch – und trotzdem soll für Familie, Freunde, Sport und das eigene Leben [...]




