Achtung! Nervensystem im Dauerstress
„Mal noch schnell“ – wie drei kleine Worte deinen Stresspegel verraten
„Ich mach 𝐦𝐚𝐥 𝐧𝐨𝐜𝐡 𝐬𝐜𝐡𝐧𝐞𝐥𝐥 den Gurkensalat“ – und schon war mein halber Daumen abgehobelt.
Ok, vielleicht nur ein Achtel. Aber deutlich mehr, als mir lieb war.
Vielleicht verwendest du solche Worte auch:
- mal noch schnell
- nur kurz
- oder wie wir im Süden sagen: gschwind
Kommt dir bekannt vor? Dann bist du in guter Gesellschaft. Diese drei Worte sind in Wahrheit ein Alarmsignal – nur hört das kaum jemand, weil wir sie hundertmal am Tag benutzen, ohne hinzuhören.
Seit ich meinen Burnout hatte, achte ich präzise auf sie. Damit auch du Burnoutprävention betreiben kannst, zeige ich dir heute, was dahinter steckt.
Warum „schnell“ nie wirklich schnell ist
Der Trick an „mal noch schnell“ ist: Es klingt harmlos. Fast liebevoll. So, als würde man sich selbst beruhigen – „ist ja nur eine Kleinigkeit“. In Wahrheit ist es das Gegenteil. Es ist die Sprache eines Nervensystems, das schon längst im Handlungsmodus feststeckt: Kein Innehalten, kein Hinschauen, nur Weiter, Weiter, Weiter.
Und genau da passieren die Fehler. Nicht bei den großen Aufgaben, für die wir uns Zeit nehmen – sondern bei den kleinen, „schnell erledigten“ Dingen dazwischen. Der Gurkensalat. Die E-Mail, die man „noch kurz“ zwischen zwei Meetings rausschickt. Die Antwort, die man „gschwind“ gibt, bevor man wirklich zugehört hat.
Dein Körper unterscheidet dabei nicht zwischen „wichtiger Karrierestress“ und „kurz Gemüse schneiden“. Für dein Nervensystem zählt nur: Ich bin im Tempo-Modus. Und im Tempo-Modus wird geschnippelt, nicht geschnitten.
Die stille Ansage, die wir uns ständig selbst machen
Als Stress-Coach höre ich diese Formulierungen bei Führungskräften andauernd – meistens ganz beiläufig, fast entschuldigend gesagt:
- „Ich schau nur mal schnell ins Postfach.“
- „Wir machen das Meeting kurz, ne?“
- „Gschwind noch die Zahlen checken.“
Klingt effizient. Ist es aber nicht. Es ist die verbale Version von Dauer-Anspannung – ein Satz, der suggeriert: Ich habe die Kontrolle, ich schaffe das nebenbei. Während der Körper längst im „Achtung, gleich kommt was“-Modus läuft.
Das Tückische daran: Diese Sprache normalisiert Stress, statt ihn sichtbar zu machen. Man merkt gar nicht mehr, wie oft man am Tag „schnell“ sagt – und wie oft man dabei eigentlich schon über die eigene Kapazität hinaus unterwegs ist.
Was du stattdessen tun kannst
Du musst nicht jede Gewohnheit sofort umkrempeln. Aber ein guter Anfang ist: hinhören.
- Zähl mit. Ein Tag, an dem du bewusst darauf achtest, wie oft du „schnell“, „kurz“ oder „mal eben“ sagst oder denkst. Die Zahl überrascht die meisten.
- Ersetz das Wort durch die Wahrheit. Statt „ich mach das noch schnell“ – frag dich: Wie viel Zeit brauche ich wirklich dafür? Und nimm dir genau diese Zeit, nicht weniger.
- Bau eine Sekunde Puffer ein. Bevor du zum Messer, zur Tastatur oder zum nächsten Termin greifst: ein Atemzug. Eine Sekunde, in der du ankommst, statt schon im nächsten Schritt zu sein.
- Sag „nein“ zum Nebenbei. Nicht jede Aufgabe muss zwischen zwei anderen erledigt werden. Manches darf einen eigenen Moment bekommen – auch der Gurkensalat.
Die eigentliche Frage
Am Ende geht es nicht um Gurkensalat oder Daumen. Es geht um die Frage: Wie oft am Tag rennst du eigentlich vor dir selbst davon – ohne es zu merken, weil es sich so normal anfühlt?
Sprache ist dabei kein Zufall. Sie ist ein Fenster in unseren inneren Zustand. Wer ständig „schnell“ sagt, lebt meistens auch ständig schnell. Und wer dauerhaft im Tempo-Modus unterwegs ist, zahlt irgendwann den Preis – ob als kleiner Schnitt am Daumen oder als etwas, das sich nicht mehr so leicht wegpflastern lässt.
Also: Achte diese Woche mal drauf. Wie oft sagst du „schnell“? Und was würde passieren, wenn du dir genau in diesem Moment stattdessen die Zeit nimmst, die du eigentlich brauchst?
Wenn du dir dabei mehr Support wünschst, melde dich hier.
Über die Autorin
Patricia Zinnecker ist Sprachpsychologin (M.A.) IHK-zertifizierte Stress-Managerin, geprüfte IHK Managerin für Betriebliches Gesundheitsmanagement, ehemalige Burnout-Betroffene und heute Burnout-Coach. Sie hilft Firmen, Teams und Einzelpersonen leistungsfähig zu bleiben ohne auszubrennen: Mit Coachings, Vorträgen und Workshops rund um Burnout-Prävention und Selbstführung. Außerdem betreibt sie einen Podcast und hat bereits zwei Bücher veröffentlicht.
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