Einmal Burnout, immer Burnout? Nein. Aber der Weg zurück verändert einen dauerhaft.
6 Jahre nach meinem Burnout: Was sich verändert hat – und was geblieben ist
Einmal Burnout, immer Burnout? Nein. Aber der Weg zurück verändert einen dauerhaft. Am 18. Juli vor sechs Jahren ist bei mir alles zusammengebrochen. Hier ist, was ich seitdem gelernt habe.
Vor sechs Jahren, am 18. Juli 2020, war der Tag, an dem bei mir alles zusammengebrochen ist. Dieses Jahr fiel dieser Tag wieder auf einen Samstag – wie damals. Das fühlt sich jedes Mal ein bisschen seltsam an. Nicht schlecht. Aber besonders.
Und dieses Jahr war dieser Tag anders als alle anderen. Ich habe an den Tagen davor etwas gefühlt, das ich so noch nie hatte: Ich lebe gerade genau das Leben, von dem ich als Kind geträumt habe. Nicht perfekt. Aber nahe dran. Nahe genug, um zu lächeln und zu sagen: Das ist es.
Dieser Artikel ist kein Motivationstext. Er ist ein ehrlicher Rückblick. Was ist gleich geblieben? Was hat sich verändert? Und was würde ich heute ganz anders machen?
Was gleich geblieben ist
Ich bin immer noch Patricia. Das Gesamtpaket hat sich nicht verändert. Aber ein paar Nuancen schon.
Meine Naturliebe.
Ich liebe die Natur, Pferde, draußen sein. Das ist seit jeher so. Das hat sich nicht verändert – und ich bin dankbar, dass ich das wieder vollständig genießen kann.
Meine Freude an Menschen.
Ich bin gern unter Menschen. Ich tanke daran auf. Gleichzeitig brauche ich meine Me-Time. Aber im Kern bin ich jemand, der gern austauscht, lernt und verbindet.
Mein Antrieb.
Ich arbeite gerne und viel. Es gab Wochen, in denen ich deutlich mehr als 40 Stunden gearbeitet habe – und es war gut. Sehr gut. Das ist kein Widerspruch zu allem, was ich über Burnout-Prävention sage. Es ist der Unterschied zwischen Vollgas mit Tankstopp und Vollgas bis zum Liegenbleiben.
Mein Spürsinn für Stimmungen.
Ich merke sofort, wenn in einem Raum eine Spannung ist. Seit meinem Burnout weiß ich aber: Nur weil ich eine Stimmung spüre, heißt das nicht, dass sie meine Verantwortung ist.
Meine Neugier.
Ich lerne wahnsinnig gerne. Neue Menschen, neue Perspektiven, neues Wissen. Ich werde nie alles verstehen – aber das ist auch gut so. Es gibt immer noch etwas zu entdecken.
Was sich verändert hat
Blindes Vertrauen gibt es nicht mehr.
Ich vertraue meinem Bauchgefühl. Wenn da etwas sagt: Hier stimmt etwas nicht – höre ich hin. Ich wünsche niemandem etwas Schlechtes. Aber ich entscheide selbst, wen ich in mein Leben lasse. Diese Klarheit ist einer der größten Gewinne der letzten sechs Jahre.
Schlaf ist keine Zeitverschwendung mehr.
Früher: Ich gehe nicht schlafen, wenn ich müde bin, sondern wenn alles erledigt ist. Heute: Schlaf ist Regeneration. Ich darf ins Bett gehen. Ich darf aufhören. Und ich starte am nächsten Tag mit Energie statt mit Restkapazität.
Warnsignale werden ernst genommen.
Früher habe ich Migräne, Übelkeit, Nackenschmerzen einfach weitergemacht. Heute weiß ich: Der Körper lügt nicht. Eine Klientin musste sich jeden Morgen vor der Arbeit übergeben – am Wochenende war alles gut. Seit dem Jobwechsel: keine Symptome mehr. Das ist kein Zufall. Das ist Kopfsache.
Erholen darf ich mich.
Ausruhen war früher Zeitverschwendung. Heute ist es Strategie. Ob beim Spaziergang, beim Kaffee, bei meinem Pflegepferd – er merkt sofort, wie mein Herzschlag ist. Wenn ich nicht runterkomme, ist es schwierig. Das zählt.
Delegieren ohne nachzubessern.
Das Käspätzle-Beispiel aus dieser Woche: Meine Freundin hat sie komplett anders gemacht, als ich sie kenne. Sie kochte einen Auflauf mit Sahne – keine Spätzle mit Bergkäse aus der Pfanne. Ein Teil von mir dachte kurz: „Das stimmt doch so nicht.“ Der andere Teil: „Wir kochen zusammen. Wir haben Spaß. Die Welt geht nicht unter. Daheim kann ich es nächstes Mal immer noch anders machen.“ Das ist echter Fortschritt für mich.
Ohne Verbissenheit an Dinge herangehen.
Das war der größte Wandel. Ich war früher so unglaublich verbissen. Alles musste so laufen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Heute weiß ich: Wer locker an Dinge herangeht, erreicht sein Ziel häufig schneller. Nicht weil man weniger tut. Sondern weil Verbissenheit Energie bindet, die man besser einsetzen kann.
Resilienz verstehen und trainieren.
Zurückfedern können. Sich auf sich selbst verlassen. Wissen: Ich habe schon Schwieriges überstanden. Ich schaffe das wieder. Das ist Resilienz. Und sie entsteht nicht durch Schutz, sondern durch Erfahrung.
Nein sagen – und dabei wissen, warum.
Mein Ja ist mehr wert, weil ich auch Nein sage. Ich sage Nein nicht, um jemanden abzuweisen. Ich sage es, weil ich weiß, wofür ich Ja sage. Das ist ein Unterschied.
Selbstwert ohne Business.
Wer bist du, wenn du nicht arbeitest? Das ist eine der wichtigsten Fragen. In Deutschland definieren wir uns oft über unseren Job. Ich tue das nicht mehr. Ich mag meine Arbeit. Aber ich bin mehr als das.
People over Business.
Früher: Business first, immer. Heute: Wenn mein Neffe vorbeikommt, liegt der Laptop lieber mal. Wenn meine Freundinnen in den Biergarten wollen, ist das keine vergeudete Arbeitszeit. Es ist Leben. Und das lädt auf.
Situationen eliminieren, die nicht gut tun.
Wenn das Boot sinkt und alles ausgeschöpft ist, ist es kein Versagen, Land zu suchen. Wenn dein Pferd tot ist, steig ab. Das klingt hart. Es ist Klarheit.
Einmal Burnout, immer Burnout?
Nein. Aber das Leben gibt uns die gleichen Aufgaben immer wieder – bis wir sie verstanden haben. Ich habe das Thema Burnout verstanden. Ich beherrsche es. Und ich bin gespannt, was als nächstes kommt.
Bin ich dankbar für den Burnout? Nein. Ich wäre froh, wenn ich ihn nicht gebraucht hätte. Aber ich bin dankbar für das, was daraus entstanden ist: Der Podcast. Die Bücher. Die Arbeit mit Menschen. Das Leben, das ich heute lebe.
Würde die kleine Patricia, die ich damals war, stolz auf mich sein? Ja. Das glaube ich wirklich.
Über die Autorin
Patricia Zinnecker ist zertifizierte Stress-Managerin, geprüfte IHK Managerin für Betriebliches Gesundheitsmanagement, ehemalige Burnout-Betroffene und heute Burnout-Coach. Sie hilft Firmen, Teams und Einzelpersonen leistungsfähig zu bleiben ohne auszubrennen: Mit Coachings, Vorträgen und Workshops rund um Burnout-Prävention und Selbstführung. Außerdem hat sie einen Podcast mit über 180 Episoden und bereits zwei Bücher veröffentlicht.
Viel Erfolg bei deiner nächsten Druck-Situation. Bereite dich vor und dann zeig, was du drauf hast!
Du willst mehr dazu hören? Hier geht’s zur Episode (KOPFSACHE Nr. 176):
Über die Autorin
Patricia Zinnecker ist Sprachpsychologin (M.A.) IHK-zertifizierte Stress-Managerin, geprüfte IHK Managerin für Betriebliches Gesundheitsmanagement, ehemalige Burnout-Betroffene und heute Burnout-Coach. Sie hilft Firmen, Teams und Einzelpersonen leistungsfähig zu bleiben ohne auszubrennen: Mit Coachings, Vorträgen und Workshops rund um Burnout-Prävention und Selbstführung. Außerdem betreibt sie einen Podcast und hat bereits zwei Bücher veröffentlicht.
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