Was Profisportler über Druck, Leistung und den richtigen Umgang mit Verbissenheit wissen – und wie du das gegen Burnout einsetzen kannst
Warum Druck bei manchen zu Burnout und bei anderen zu Höchstleistung führt
Markus Flemming war Eishockey-Profi, ist seit 20 Jahren Sportpsychologe bei den Eisbären Berlin und begleitet Athletinnen & Athleten auf dem Weg zu Topleistungen unter Druck. Im Gespräch hat er Erkenntnisse geteilt, die nicht nur im Profisport, sondern in jedem leistungsorientierten Alltag gelten.
Denn manche Menschen brechen unter Druck. Andere laufen zu Höchstleistung auf. Was ist der Unterschied? Ein wichtiger Punkt in der Burnout-Prävention und genau deswegen schauen wir uns das heute gemeinsam an.
10.000 Augen auf dich gerichtet: Stell dir vor, du betrittst eine Arena. Die Arena ist voll, alle Augen sind auf dich gerichtet – und jetzt wird Höchstleistung erwartet. Das kennen wir doch alle: egal, ob in der Uber Arena, an der Tischtennisplatte oder vor einem wichtigen Gespräch. Denn für die meisten ist dieses Szenario keine Eishockeyarena. Es ist ein wichtiger Vortrag, ein schwieriges Kundengespräch, eine Entscheidung unter Zeitdruck. Das Gefühl aber ist dasselbe: Druck. Erwartung. Der Moment, in dem man exakt jetzt funktionieren soll.
Markus Flemming war selbst jahrelang Eishockeytorhüter im Profisport, bevor er Sportpsychologe wurde. Heute begleitet er Profisportler bei den Eisbären Berlin, im Basketball, Handball, den Turnerbund und auch Nicht-Sportler wie Fluglotsen, Schauspieler und Führungskräfte. Ich habe ihn für meinen Podcast interviewt – und hier sind für dich die wichtigsten Erkenntnisse aus unserem Gespräch.
Verbissenheit ist keine Stärke – sie ist eine Blockade
Markus hat selbst erlebt, was Verbissenheit anrichtet. (Ich übrigens auch. Stichwort: Burnout.) Als Eishockeyspieler hat er sich so sehr an ein Ziel geklammert, dass er irgendwann nicht mehr kreativ sein konnte. Die Energie floss ins Festhalten – nicht ins Spielen.
Sein Fazit: Verbissenheit bedeutet Bedrohung. Wer unter dem Druck steht, etwas um jeden Preis erreichen zu müssen, schaltet unbewusst in den Überlebensmodus. Die Muskeln verkrampfen. Die Kreativität schwindet. Fehler werden vermieden statt Leistung erbracht.
Was wirklich hilft: Investieren, lernen, trainieren – und dann loslassen. Wer gut vorbereitet ist, darf sich auf seine Fähigkeiten verlassen. Das ist kein Wunschdenken, das ist authentisches Vertrauen.
Die Grundvoraussetzung: Können vor Zutrauen
Markus ist klar in einem Punkt: Sportpsychologie ersetzt kein Training. Wer zu ihm kommt, ohne die Grundlage gelegt zu haben, bekommt keine Magie – sondern eine ehrliche Rückmeldung. Er erzählt von einem Schüler, der zu ihm kam, weil er Prüfungsangst hatte. Auf die Frage, ob er Mathe gelernt hätte in den letzten Tagen und Wochen, kam ein zögerndes Nein.
Sein Punkt: Wenn ich etwas nicht kann, ist die Angst berechtigt. Das Problem ist nicht die Psychologie – das Problem ist die fehlende Vorbereitung. Erst wenn ich wirklich geübt, gelernt und investiert habe, kann ich mir authentisch zutrauen, was ich tue. Habe ich vorher nicht trainiert, kann ich auch keine Höchstleistung von mir selbst erwarten.
Das gilt im Sport genauso wie im Beruf. Wer mit gutem Gewissen sagen kann „Ich habe alles gegeben, was in meiner Kraft lag“, hat die Grundlage für echtes Selbstvertrauen.
„Nicht gemocht werden müssen“ ist ein Impuls, der alles verändert
Die Erkenntnis, die Markus am meisten geprägt hat, kam von seinem Mentor Prof. Dr. Hans-Dieter Herrmann. Ein einziger Satz: „Du weißt schon, dass du nicht von jedem Menschen gemocht werden musst – und du musst auch nicht jeden mögen.“
Dieser Satz hat Markus‘ Karriere verändert. Nicht weil er aufgehört hätte, sich anzustrengen. Sondern weil er aufgehört hat, Energie in die Kontrolle äußerer Bewertungen zu stecken. Das macht einen enormen Unterschied: Energie, die nicht in Angst und Kontrolle fließt, steht für Leistung zur Verfügung.
Für Führungskräfte und Menschen mit hoher Verantwortung ist das besonders relevant: Der Wunsch, es allen recht zu machen, ist einer der größten Stresstreiber im Alltag.
Runterkommen als Strategie – nicht als Schwäche
Markus beschreibt, was er in der Halbzeitpause eines Spiels macht, wenn eine Mannschaft gerade verliert: Menschen zurückholen. System runterfahren. Nicht nochmal alles erklären – sondern erst ankommen lassen. Dann: Ressourcen erkennen, Plan festigen, mit Selbstvertrauen zurück aufs Eis.
Das ist kein sportspezifisches Prinzip. Jede intensive Phase – ein schwieriges Projekt, eine Krise im Team, ein persönlicher Einbruch – braucht diesen Schritt. Erst runterkommen. Dann Kopf frei kriegen. Dann hochfahren und entscheiden.
Humor hilft dabei, wie Markus betont: Wer über sich selbst und die Situation lachen kann, zeigt, dass er sie nicht als lebensbedrohlich einordnet. Das entspannt – und macht den Kopf frei.
Unabhängigkeit als Ziel von guter Begleitung
Eine Haltung, die mich in unserem Gespräch besonders beeindruckt hat: Markus arbeitet daran, dass seine Coachees ihn nicht mehr brauchen. Nicht als Bescheidenheitsformel, sondern als echte Überzeugung. Er ist ein Spiegel. Aber die Fähigkeiten liegen im Menschen, der vor ihm sitzt. Und er glaubt wirklich an sie. Glaubst du auch an dich?
Gute Begleitung – ob durch Coaching, Sportpsychologie oder Mentoring – macht abhängig von Werkzeugen, nicht von Personen. Der Ziel ist, dass jemand irgendwann sagt: „Ich weiß, was ich kann. Ich vertraue mir und verlasse mich auf mein Können. Ich brauche das Gespräch gerade nicht mehr.“
Was du für deinen Alltag mitnehmen kannst
- Steck alles in deine Vorbereitung: Wenn du gut vorbereitet bist, hast du dir etwas erarbeitet. Vertraue dem.
- Hör auf, es allen recht machen zu wollen: Nicht jeder muss dich mögen. Und du musst nicht jeden mögen. Das gibt Energie frei.
- Verkrampfung ist ein Signal: Wenn du merkst, dass du verbissen an etwas hängst, ist das der Moment innezuhalten – nicht der Moment, noch härter zu drücken. Druck erzeugt nur Gegendruck.
- Pausen sind Strategien, keine Schwäche: Erst runterkommen, dann entscheiden. Das gilt für Halbzeiten im Sport genauso wie für Meetings, Krisen oder schwierige Entscheidungen.
- Der Weg ist das Ziel – wirklich: Nicht als Floskel, sondern als gelebte Haltung. Wer den Weg genießt, kommt häufig weiter als jemand, der nur aufs Ziel starrt. Zudem: Wenn du Spaß auf deinem Weg hast, erreichst du ihn wahrscheinlicher (und besser gelaunter) wie wenn du nur auf das Ziel starrst.
Viel Erfolg bei deiner nächsten Druck-Situation. Bereite dich vor und dann zeig, was du drauf hast!
Du willst mehr dazu hören? Hier geht’s zur Episode (KOPFSACHE Nr. 175):
Über die Autorin
Patricia Zinnecker ist Sprachpsychologin (M.A.) IHK-zertifizierte Stress-Managerin, geprüfte IHK Managerin für Betriebliches Gesundheitsmanagement, ehemalige Burnout-Betroffene und heute Burnout-Coach. Sie hilft Firmen, Teams und Einzelpersonen leistungsfähig zu bleiben ohne auszubrennen: Mit Coachings, Vorträgen und Workshops rund um Burnout-Prävention und Selbstführung. Außerdem betreibt sie einen Podcast und hat bereits zwei Bücher veröffentlicht.
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