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Ich habe doch alles… warum bin ich trotzdem so gestresst? (Perfektion treibt dich in den Burnout!)

Patricia Zinnecker
22.06.26

Burnout-Prävention dank Gelassenheit: Warum du nicht in jedem Bereich eine 10/10 brauchst

“Ich habe doch eigentlich alles. Warum bin ich trotzdem so gestresst?” Diese Frage höre ich oft – und die Antwort liegt selten in zu wenig Erfolg, sondern im Versuch, überall gleichzeitig alles optimieren zu wollen. 

Vor meinem Burnout war mein Kalender zwei Jahre im Voraus durchgetaktet. Als ich mit meinem damaligen Partner ein erstes Date ausmachen wollte, haben wir beide unsere Kalender herausgeholt und übereinandergelegt. Ergebnis: In sechs Wochen gibt es ein Zeitfenster 15 bis 17 Uhr. Damals fand ich das professionell. Heute weiß ich: Das war ein Warnsignal.

Ich habe versucht, jeden Bereich meines Lebens exzessiv zu maximieren. Ohne Freude, ohne Emotion. Einfach nur: erledigen. Mehr erledigen. Ich habe mein Leben gefüllt – aber nicht erfüllt, nicht gelebt. Genau um diesen Unterschied geht es heute. Denn deinen Perfektionismus in Schach zu halten, ist ein großer Baustein in der Burnout-Prävention.q

Das Neubausiedlungsdenken: Wenn alle das Gleiche optimieren

In meinen Coachings begegne ich häufig Menschen Mitte 30 bis Mitte 40, die sagen: „Ich habe doch alles. Siebträger-Kaffeemaschine, selbstgebackenes Sauerteigbrot, Pizzaofen, Marathon-Training. Und trotzdem dieses diffuse Gefühl von Druck.“

Ich nenne das „Neubausiedlungsdenken“: Alle haben ähnlich große Häuser, ähnlich frisch angelegte Gärten – und unterschwellig die Frage, wer hat mehr zu bieten. Verstärkt wird das durch Social Media, wo genau diese Dinge zur Schau gestellt werden. Das gute Sauerteigbrot, der Marathonlauf in Bestzeit, der neue Pizzaofen.

Meine Therapeutin hat es einmal treffend gesagt: Ein gutes Leben führen, Spaß haben, Hobbys pflegen – ja. Aber alles ständig optimieren wollen – das ist gefährlich.

Das Lebensrad: Eine einfache Methode mit großer Wirkung

Stell dir ein Tortendiagramm vor, das in sechs, acht oder zwölf Stücke unterteilt ist. Jedes Stück steht für einen Lebensbereich: Gesundheit, Karriere, Freizeit, Familie, Freunde, Liebe, Finanzen, Spiritualität – du legst die Kategorien selbst fest, die für dich relevant sind.

Jedes Tortenstück hat zehn Ringe, wie Jahresringe an einem Baum. Für jeden Bereich füllst du aus, wie zufrieden du gerade bist – von eins bis zehn.
10 bedeutet: läuft genau so, wie du es dir wünschst.
1 bedeutet: hier besteht akuter Handlungsbedarf.

Diese Übung dauert nur wenige Minuten. Aber sie zeigt dir oft auf einen Blick, wo der eigentliche Stress herkommt – nämlich selten von einem einzelnen überlasteten Bereich, sondern vom Versuch, überall gleichzeitig die Maximalpunktzahl zu erreichen.

Die entscheidende Frage: Willst du überall eine 10?

Wenn meine Klientinnen und Klienten das Lebensrad ausfüllen, kommt häufig derselbe Reflex: Überall soll es eine 10 sein. Karriere top, Sport top, Ernährung top, Familie top. Genau das ist der Punkt, an dem ich nachfrage.

Wenn du überall eine 10 anstrebst, steckst du überall maximale Energie hinein. Aber woher kommt die Energie, die du dort reinstecken möchtest?

Wenn nach dem Marathon-Training sofort der nächste Termin wartet und danach der nächste, wird aus einem eigentlich positiven Bereich schnell ein weiterer Pflichtpunkt. Du musst viel abhaken anstatt es erleben zu dürfen. Die Sprache verrät es: Aus Wollen wird Müssen.

Das Lebensrad wird nie ausgeglichen sein. Niemals. Und das ist vollkommen in Ordnung.

Was sich bei mir konkret verändert hat

Heute zeichne ich mein Lebensrad nicht mehr auf Papier – ich habe es im Kopf. Wenn mir alles zu viel wird, gehe ich es gedanklich durch und merke oft: Da laufen gerade 5 Bereiche gleichzeitig auf Hochtouren. Das funktioniert nicht. Also überlege ich, wo ich bewusst herunterfahren kann.

Das kommuniziere ich auch aktiv. Ich sage dann zum Beispiel: „Das wird mir gerade zu viel, das hat aktuell keine Priorität für mich. Ich unterstütze gern, möchte aber nicht die Leitung übernehmen.“ Oder: „Können wir das verschieben?“ Erst kürzlich haben wir einen geplanten Vortrag gemeinsam um ein paar Wochen verschoben, weil es gerade zu viel auf einmal war. Das darf sein.

Zwei bis drei Bereiche – nicht 12

Mein Appell: Such dir zwei, vielleicht drei Bereiche aus deinem Lebensrad aus, in denen du wirklich volle Energie investieren willst. Bei den anderen darfst du sagen: Passt schon. Ist mir aktuell nicht so wichtig. Das ist kein Versagen – das ist Priorisierung.

Und diese Prioritäten verändern sich mit jeder Lebensphase. Mit einem Neugeborenen steht Familie bei einer 10, Freunde vielleicht bei einer 1 – und das ist normal. 20 Jahre später, wenn die Kinder ausgezogen sind, rückt vielleicht das eigene Hobby wieder in den Fokus. Alles im Leben hat seine Zeit.

Du kannst alles haben. Nur nicht zur selben Zeit.

Wie du das Lebensrad für dich nutzt

  • Zeichne dir dein eigenes Lebensrad mit den Kategorien, die für dich relevant sind – oder nutze die KOPFSACHE-Vorlage.
  • Fülle jeden Bereich ehrlich aus: Wo stehst du gerade, von 1 bis 10?
  • Frag dich: In welchen 2-3 Bereichen will ich aktuell wirklich volle Energie investieren?
  • Erlaube dir bei den restlichen Bereichen, entspannter zu sein – ohne schlechtes Gefühl.
  • Schau dir dein Lebensrad alle 4-6 Wochen erneut an. Reflektiere, was sich verändert hat.

Das Lebensrad ist kein Werkzeug für Perfektion. Es ist ein Werkzeug für Klarheit und zwar darüber, was dir aktuell wirklich wichtig ist, und darüber, dass nicht jeder Bereich gleichzeitig auf Hochglanz poliert sein muss.

Du suchst Unterstützung, dein Lebensrad wieder rundlaufen zu lassen ohne Druck und Hektik zu verspüren? Melde dich gerne: www.kopfsache.help/coaching

 


Du willst mehr dazu hören? Hier geht’s zur Episode (KOPFSACHE Nr. 173):

 


Über die Autorin

Patricia Zinnecker ist zertifizierte Stress-Managerin, geprüfte IHK Managerin für Betriebliches Gesundheitsmanagement, ehemalige Burnout-Betroffene und heute Burnout-Coach. Sie hilft High Performern und Führungskräften leistungsfähig zu bleiben ohne auszubrennen: Mit Coaching, Vorträgen und Workshops rund um Burnout-Prävention und Selbstführung. Außerdem betreibt sie einen Podcast und hat bereits zwei Bücher veröffentlicht.

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