Physiotherapeut mit 15 Standorten, 3 Kindern & 1 DFB-Job: Viel los und trotzdem nie gestresst. Wie?

Patricia Zinnecker
14.06.26

15 Standorte, 3 Kinder, 1 DFB-Job: Was Tommy Ehrmann über Leistung, Grenzen und sich selbst weiß

Und da ich finde, dass Burnout-Prävention nicht nur theoretisch sein darf, sondern auch von praxisnahen Beispielen lebt, möchte ich euch immer wieder spannende Gäste zum Thema Burnout & Stress-Management vorstellen. Heute ist das Tommy Ehrmann.

Er ist Physiotherapeut, Osteopath, Familienvater und Gründer des „Zentrum Mensch“ in Hohenlohe mit über 15 Standorten und einem dreistelligen Team. Was hält jemanden in dieser Rolle stabil? Und was beobachtet er täglich an Menschen, deren Körper klare Signale schickt, die aber ignoriert werden? 

Ich kenne Tommy Ehrmann mittlerweile seit Jahrzehnten und habe seine nahbare, sympathische und ausgeglichene Art immer bewundert. Deshalb habe ich ihn für meinen Podcast getroffen und selten hatte ich einen Gesprächspartner, der so bodenständig und gleichzeitig so klar in seinen Gedanken über Leistung, Grenzen und Selbstwahrnehmung ist.

Tommy ist seit 25 Jahren selbstständig, war 16 Jahre für den DFB in den U-Mannschaften tätig und hat in dieser Zeit aufgebaut, wovon die meisten nur träumen. Und trotzdem: Sein Stresslevel lag letztes Jahr bei einer 7 von 10. Überraschend solide. Er weiß also, wovon er redet.

Sein Job ist sein Hobby, aber das reicht nicht allein

Wenn Tommy über seinen Beruf spricht, sagt er strahlend einen Satz, den viele Führungskräfte insgeheim auch sagen wollen: „Ich darf mein Hobby jeden Tag machen und verdiene damit Geld.“ Aber was ihn stabilisiert, ist nicht nur die Leidenschaft für das, was er tut. Es sind die Menschen um ihn herum, die bestimmte Bereiche übernehmen, in denen er nicht gut oder nicht gern aktiv ist.

Sein Bruder übernimmt die Organisation. Sein Partner Heiko die strukturellen Aufgaben und Dagi hält ihm den Rücken frei. Tommy delegiert nicht, weil er faul ist. Er delegiert, weil er weiß: „Was ich nicht kann und nicht mag, soll jemand anderes machen, der es kann und mag.“

Das ist keine Schwäche. Das ist Klarheit über sich selbst. Und es schont finanzielle und zeitliche Ressourcen. Bye bye, Kontrollzwang!

Kannst dich ja mal selbst fragen: Wer hält dir gerade den Rücken frei und in welchen Bereichen gibt es diese Person noch nicht?

Auch Tommy hat Tage, an denen er nicht mehr drüber schauen kann

Tommy ist kein Mensch, der so tut, als wäre alles immer easy. Er sagt offen: „Natürlich gibt es Tage, an denen ich nicht mehr drüber schauen kann. Und dann brauche ich Menschen, die mich wieder auf die Gleise stellen. Die mir zeigen: Da hinten ist der nächste Bahnhof, da schieben wir dich rein.“

Dieses Bild ist mir hängen geblieben. Es braucht Menschen, die dich tragen, wenn du nichts mehr tragen kannst. Das setzt voraus, dass man sie lässt. Und dass man ehrlich genug ist, den Moment zu erkennen, in dem man Hilfe braucht.

Der Körper schickt Signale (immer!), wenn man es ihm ermöglicht

Als Physiotherapeut und Osteopath begegnet Tommy täglich Menschen, die ihren Körper ignorieren – bis er sich nicht mehr ignorieren lässt. Genauso war es ja bei mir 2020 auch (Stichwort: Panikattacke und in Folge dessen Burnout).
Was ihn besonders interessiert: der Zusammenhang zwischen Stress, Ernährung und körperlicher Verfassung.

Er gibt keine Pauschalrezepte. Aber er benennt einen Punkt klar: Essen ist für viele Menschen kein wichtiger Punkt am Tag mehr, sondern ein Nebenbei-Erledigen. Man isst, während man das Handy checkt. Man isst das, was schnell geht, nicht was gut ist. Man nimmt sich keine Zeit, um zu spüren, was der Körper wirklich braucht.

Wenn man was pauschalisieren will, sagt Tommy: „Achte mal drauf, was du isst. Und achte mal drauf, wie du isst. Mach dir keinen unnötigen Stress, indem du nebenbei noch eine Mail beantwortest.“

Später als gedacht, aber nicht zu spät hat er sich selbst kennengelernt

Auf die Frage, wann er begonnen hat, sich selbst kennenzulernen, ist Tommys Antwort überraschend ehrlich: Erst als seine Frau die Ausbildung zur therapeutischen Seelsorgerin machte und sie gemeinsam über diese Inhalte sprachen. Vorher hatte er sich darüber nur bedingt Gedanken gemacht.

Das kenne ich aus meiner Arbeit: Viele Menschen, die viel leisten, kennen sich selbst am wenigsten. Nicht weil sie nicht intelligent sind, sondern weil sie nie gelernt haben, die Fragen nach innen zu stellen.

  • Warum triggert mich das gerade?
  • Was macht diese Situation mit mir?
  • Warum reagiere ich in bestimmten Momenten immer gleich?
  • „Das sind die hilfreicheren Fragen“, sagt Tommy. „Nicht wer der andere ist, sondern wer ich bin.“

Bewegung und Resilienz haben mehr gemeinsam als du denkst

Als Physiotherapeut hat Tommy eine klare Position zu Bewegungsmangel – besonders bei Kindern. Wer nie etwas überwunden hat, hat keine Möglichkeit zu lernen, wie er damit umgeht. Das gilt für Bewegung genauso wie für emotionale Resilienz.

Kinder, die nie klettern, nie fallen und wieder aufstehen, nie die eigene Körperkraft erfahren, haben später keinen Automatismus dafür. Und Menschen, die nie gelernt haben, mit Druck umzugehen, haben keinen Mechanismus, wenn der Druck im Erwachsenenleben steigt.

Eine Überbehütung durch Eltern sind vermeintlich wohltuend, aber langfristig zum Nachteil der Kinder.

Denn wie beim Körper gilt: Resilienz entsteht nicht durch Schutz. Sie entsteht durch Erfahrung. Es ist das gleiche körperlich und mental.

Was ich aus diesem Gespräch mitgenommen habe

  • Delegiere die Dinge, die du nicht kannst oder nicht magst – und gib sie in gute Hände, die du wirklich vertraust.
  • Bau dir ein Umfeld auf, das dich trägt, wenn du nichts mehr tragen kannst.
  • Iss bewusst. Nicht weniger, nicht nur gesund – sondern präsent. Ohne Mails nebenbei.
  • Stell die Fragen nach innen: Was macht das gerade mit mir? Warum reagiere ich so?
  • Resilienz kann man trainieren. Aber nur, wenn man sie braucht. Schutz und Vermeidung bauen sie nicht auf.

 


Du willst mehr dazu hören? Hier geht’s zur Episode (KOPFSACHE Nr. 172):

 


Über die Autorin

Patricia Zinnecker ist zertifizierte Stress-Managerin, geprüfte IHK Managerin für Betriebliches Gesundheitsmanagement, ehemalige Burnout-Betroffene und heute Burnout-Coach. Sie hilft Firmen, Teams und Einzelpersonen leistungsfähig zu bleiben ohne auszubrennen: Mit Coachings, Vorträgen und Workshops rund um Burnout-Prävention und Selbstführung. Außerdem betreibt sie einen Podcast und hat bereits zwei Bücher veröffentlicht.

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