Burnout von innen: Was wirklich passiert und wie es sich anfühlt, wenn der Körper nicht mehr gehorcht
Wie fühlt sich ein Burnout wirklich an? Ein persönlicher Erfahrungsbericht
Laut McKinsey Health Institute (2023) zeigt jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland Burnout-Symptome. Viele wissen aber nicht, wie sich das von innen anfühlt. Dieser Artikel ist kein Ratgeber – er ist ein ehrlicher Erfahrungsbericht.
Immer wieder werde ich in Vorträgen und Workshops zu Burnout-Prävention gefragt: „Patricia, wie fühlt sich ein Burnout eigentlich an? Ich hatte das noch nie.“
Jedes Mal erwarte ich diese Frage, denn sie ist wichtig. Wer Burnout nicht selbst erlebt hat, kann sich kaum vorstellen, wie er sich von innen anfühlt. Und wer ihn erlebt, fühlt sich oft einsam damit, weil niemand im Umfeld wirklich versteht, was gerade passiert.
Diese Podcast-Episode (Link unten) und dieser Artikel sind deshalb anders als sonst. Keine Modelle, keine Tipps. Nur meine Geschichte. So wie sie war.
Es beginnt schleichend – und genau das ist das Problem
Mein Burnout kam nicht über Nacht. Monate vorher gab es schon Signale: Kopfschmerzen, Magengeschwüre, Hautausschlag, Zittern, Schlafprobleme. Und Wortfindungsstörungen, die mir peinlich waren. Einfachste Wörter wie Kugelschreiber, Flasche oder Tisch fielen mir nicht ein. Ich stand da und sagte: „Gib mir mal den… das da… das graue… das da.“
Ich wusste, dass etwas nicht stimmt. Und gleichzeitig konnte ich nicht aufhören. Diese Kraft von „Mach weiter“ war trotz allen Anzeichen stärker als die vom „Halt an“. Das ist kein Willensversagen. Das ist der Kern von Burnout: Du siehst die Grenze und kannst sie trotzdem nicht einhalten.
Mein Hausarzt sagte: „Arbeiten Sie mal weniger und gehen Sie jeden Tag eine Stunde raus.“ Natürlich hatte er nicht Unrecht, irgendwo in mir drin wusste ich das. Aber ich fühlte mich so unverstanden, dass ich frustriert nach Hause ging und dachte: „Wenn ich jetzt noch eine Stunde Pause einbaue, wird die Arbeitsberg nur größer.“ Also machte ich weiter.
Der Tag, an dem mein Körper die Entscheidung für mich traf
Es war Samstag. Ich lag im Bett und wollte aufstehen. Mein Kopf sagte: „Steh auf, nimm die Beine, beweg dich“. Mein Körper antwortete: „Auf gar keinen Fall.“ Nicht „Ich hab gerade keine Lust“ – sondern ein echtes, vollständiges Nicht-Können. Wie gelähmt.
Irgendwann schaffte ich es doch aufzustehen. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch. Wollte den Laptop entsperren (herunter fuhr ich ihn seit Monaten nicht mehr, um die Minute des Hochfahrens zu sparen) – einfach nur meinen Finger auf den Sensor legen. Ich habe minutenlang davor gesessen und es nicht geschafft. Nicht weil ich nicht wollte. Weil es nicht ging. Ich war gelähmt.
Dann – eine gefühlte Ewigkeit später – stand ich auf, machte zwei Schritte und fiel einfach um. Ich lag auf dem Boden, hechelte nach Luft und dann fing mein Herz an zu rasen. So schnell, dass ich dachte: „Das war es jetzt. Ich sterbe hier.“ Ich fühlte mich wie im freien Fall ohne Hilfe oder Rettungsnetz.
Medizinisch ist Herzrasen bei einer Panikattacke nicht tödlich. Aber in diesem Moment fühlt es sich tödlich an. Und das macht es so schrecklich.
Das Schlimmste war der freie Fall – der Sturz nach dem Sturz
Als ich mich – nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit – etwas gefasst hatte, rief ich meinen damaligen Geschäftspartner an. Ich sagte nur: „Ich brauche das Wochenende. Ich kann nicht mehr.“ Seine Antwort: Er arbeite nur mit High Performern. Wenn ich ein Wochenende Pause brauche, sei ich offensichtlich keiner. Ich solle selbst entscheiden, ob ich freiwillig gehe oder es unangenehm wird.
Das war der zweite Fall. Der erste war körperlich. Der zweite war emotional – das Gefühl, von jemandem losgelassen zu werden, den ich viele Jahre lang als guten Freund bezeichnet hatte. Ich fiel tiefer, als ich glaubte fallen zu können.
Ich lag auf dem Boden, zu kaputt zum Weinen, zu kaputt zum Aufstehen, zu kaputt zum Denken. Ich habe nichts gefühlt außer Angst und Panik.
Die Taubheit: das, was am schwersten zu beschreiben ist
Das „Nicht-mehr-Fühlen“ ist für viele das schwierigste zu verstehen. Ich brauchte eine Auszeit und machte mich auf zum Stall. Ich ging zu den Pferden – die ich mein Leben lang geliebt habe. Dort angekommen erhoffte ich mir ein warmes Gefühl aufsteigen. Doch es passierte… Nichts. Keine Freude, kein Gefühl von Verbindung. Ich wusste, dass ich die über alles mag. Aber ich spürte es nicht.
Als jemand in meinem Umfeld starb, wusste ich, das ist furchtbar. Doch ich konnte nicht weinen. Denn ich spürte nichts. Ich WUSSTE, dass ich traurig bin. Aber ich fühlte es nicht!
Und das Schlimmste daran: Man fragt sich, was bin ich noch für ein Mensch, wenn ich darauf nicht mehr reagieren kann?
Als meine Therapeutin mich zu Beginn der Therapie fragte, was mein Ziel sei, sagte ich ohne Zögern: „Ich möchte wieder etwas fühlen können. Nicht nur Schönes. Alles. Auch das Schwierige. Alles. Ich will endlich diese Taubheit hinter mir lassen.“
Es ist wie eine graue Decke über allem. Du weißt, dass da Hochs und Tiefs sind. Du siehst sie. Du kannst sie nur nicht fühlen.
Was Burnout nicht ist
Burnout ist nicht: „Ich hab heute keine Lust.“
Burnout ist nicht: „Ich bin müde und brauche mal Urlaub.“
Burnout ist nicht: „Es ist gerade viel los, das wird wieder besser.“
Burnout ist: Dein Körper gehorcht dir nicht mehr. Du kannst nicht mehr aufhören, obwohl du weißt, dass du aufhören müsst. Du fühlst nichts mehr, obwohl du fühlen willst. Du bist umgeben von Menschen und trotzdem völlig allein.
Gute Ratschläge von außen helfen nicht. Nicht weil sie falsch sind, sondern weil man sie in diesem Zustand schlicht nicht umsetzen kann – der Drang in einem drin ist zu groß, weiterzumachen. Es ist wie jemandem, der hustet, zu sagen: Hust doch mal weniger.
Warum das Erzählen wichtig ist
Laut McKinsey Health Institute (Report von 2023) zeigt jede:r fünfte Beschäftigte in Deutschland Burnout-Symptome. Viele davon sehen von außen erfolgreich aus. Posten, was sie tun. Zeigen, was klappt. Und nach innen fällt alles auseinander.
Wenn du oder jemand in deinem Umfeld Symptome zeigt: Frag nicht danach, warum er oder sie nicht einfach aufhört. Bitte sag nicht: „Mach mal weniger“ oder „Chill doch mal“. Sei einfach da. Und frag: „Wie geht es dir wirklich?“ Und hör zu.
Das wäre das Einzige gewesen, was mir damals wirklich geholfen hätte. Zum Glück habe ich es bei meiner Therapeutin gefunden.
Wenn du als Betroffene:r oder Angehörige:r Support brauchst
Zögere nicht, dir Hilfe zu suchen. Sei es dein Hausarzt, eine Therapeutin oder ich.
Du willst mehr dazu hören? Hier geht’s zur Episode (KOPFSACHE Nr. 171):
Über die Autorin
Patricia Zinnecker ist Sprachpsychologin (M.A.) IHK-zertifizierte Stress-Managerin, geprüfte IHK Managerin für Betriebliches Gesundheitsmanagement, ehemalige Burnout-Betroffene und heute Burnout-Coach. Sie hilft Firmen, Teams und Einzelpersonen leistungsfähig zu bleiben ohne auszubrennen: Mit Coachings, Vorträgen und Workshops rund um Burnout-Prävention und Selbstführung. Außerdem betreibt sie einen Podcast und hat bereits zwei Bücher veröffentlicht.
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