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Ein Unfall rettete ihn: Wenn man solange arbeitet, bis der Körper streikt

Patricia Zinnecker
01.06.26

Was Pferde über Stressmanagement wissen – und wir meistens nicht

 

High Performer kennen das Gefühl: Der Kalender ist voll, der Kopf läuft auf Hochtouren, die To-do-Liste wird länger statt kürzer. Man funktioniert – bis man es plötzlich nicht mehr tut.

Für Guy McLean, weltbekannter australischer Horseman, Entertainer und Poet, läuft das anders. Nicht weil sein Leben einfacher wäre. Sondern weil er gelernt hat, von seinen Pferden abzuschauen, was wir Menschen uns selbst kaum erlauben: vollständig im Moment zu sein.

Im Gespräch in meinem Podcast hat Guy offen über Leistungsdruck, eine fast unheilbare Arbeitssucht, eine tiefe persönliche Krise – und darüber erzählt, wie Pferde ihm buchstäblich das Leben gerettet haben. Was er dabei beschreibt, ist kein spirituelles Konzept. Es ist angewandtes Stressmanagement – nur dass es auf 1.600 Hektar in Queensland begonnen hat.

 

Präsenz als Anti-Stress-Strategie

Guy McLean ist kein Mensch, der einfach abschaltet. Sein Tag beginnt um halb sechs mit einem gerissenen Weidezaun, gefolgt von Pferdepflege, Handarbeit, Training, Showvorbereitung. Wenn er abends ins Haus kommt, ist sein Kopf immer noch bei der Arbeit.

Außer wenn er reitet.

„Wenn ich auf meinen Pferden sitze, ist mein Kopf komplett bei ihnen“, sagt er. „Sie ziehen mich ins Jetzt. Ich muss ihnen meine volle Aufmerksamkeit geben – und in diesem Moment existiert nichts anderes.“

Das klingt simpel. Ist es aber nicht. Denn genau das ist das Problem vieler Führungskräfte: Sie sind körperlich anwesend, aber mental immer woanders. Beim nächsten Meeting, beim ungelösten Konflikt, bei der Deadline, die in drei Tagen kommt.

Echte Erholung beginnt nicht, wenn der Körper pausiert. Sie beginnt, wenn der Kopf aufhört zu arbeiten.

Pferde erzwingen das. Sie reagieren auf jeden Gedanken, jede innere Anspannung. Wer abgelenkt ist, verliert die Verbindung. Sofort. Kein Pferd wartet auf dich, bis du fertig gedacht hast.

Für uns Menschen ohne Pferd im Stall bedeutet das: Finde das, was dich zwingt, wirklich präsent zu sein. Sport, Musik, Kochen, ein handwerkliches Hobby – irgendetwas, das deine volle Aufmerksamkeit fordert und keinen Raum lässt für das ständige Gedankenkarussell.

 

Wenn man arbeitet, bis der Körper streikt

Während der COVID-Lockdowns arbeitete Guy alleine auf seiner Farm. Fünf Pferde täglich, sieben Tage die Woche, zwei Jahre ohne freien Tag. Kein Urlaub. Keine Pause. Nur: Weiter.

Dann warf ihn ein Pferd ab. Schwere Prellungen vom Hüftgelenk bis zum Knöchel. Drei Tage Bettruhe – nicht freiwillig, sondern weil er sich nicht bewegen konnte.

„Und ich war dankbar dafür“, sagt er. „Denn ich hätte mir selbst keine Pause gegönnt.“

Diese Aussage ist erschreckend vertraut. Viele High Performer kennen diesen Mechanismus: Man hört nicht auf, bevor der Körper aufhört. Ob das ein Burnout ist, eine Erschöpfungsdepression, eine Verletzung oder eine ernsthafte Erkrankung – irgendwas zwingt einen schließlich zum Stopp.

Das Problem ist nicht, dass wir zu viel arbeiten. Das Problem ist, dass wir Pausen als Schwäche verstehen.

Guy beschreibt es so: „Es ist viel einfacher für mich zu erkennen, ob ein Pferd Ruhe braucht, als zu erkennen, ob ich selbst Ruhe brauche.“ Das ist kein persönliches Versagen – das ist ein strukturelles Problem in Köpfen, die auf Leistung getrimmt wurden.

Was hilft: Prävention statt Reparatur. Nicht warten, bis der Körper streikt. Regelmäßige Erholung aktiv einplanen – als festen Bestandteil der Woche, nicht als Belohnung nach Zielerreichung.

 

Energie kommt nicht aus dem Nichts – sie kommt von dem, was dich wirklich auflädt

„Woher nimmst du all diese Energie?“, habe ich Guy gefragt. Seine Antwort war so schlicht wie präzise: „Von den Pferden.“

Er beschreibt es so: Nach langen Touren durch Amerika, nach wochenlangem Reisen, nach körperlicher und mentaler Erschöpfung – er kommt nach Hause. Und seine Pferde, die ihn drei Monate nicht gesehen haben, kommen auf ihn zugaloppiert. Ihre Freude, ihre Energie überträgt sich auf ihn. Sofort.

Was Guy beschreibt, ist kein Zufall. Es ist das Prinzip der echten Energiequelle.

Nicht alle Erholung ist gleich. Schlaf ist nicht dasselbe wie Regeneration. Urlaub ist nicht dasselbe wie Aufladung.

Die entscheidende Frage ist: Was gibt dir wirklich Energie zurück? Nicht was du denkst, dass es tun sollte. Nicht was andere machen. Was funktioniert bei dir?

Bei Guy sind es die Pferde. Bei anderen ist es die Familie, ein Lauf im Wald, ein Gespräch mit einem guten Freund, kreatives Arbeiten. Der Punkt ist: Diese Dinge müssen aktiv Teil des Lebens sein – nicht das, was übrig bleibt, wenn alles andere erledigt ist.

 

Was ein Horseman über mentale Stärke weiß

Guy spricht offen über eine Zeit in seinem Leben, in der er dachte, er könnte nicht weitermachen. Eine Scheidung, seine Tochter weit weg, das Gefühl von Bedeutungslosigkeit.

„Ich dachte, die Welt braucht mich nicht. Meine Familie wird okay sein, meine Freunde werden okay sein.“ Er beschreibt, was viele als das Kernmerkmal einer schweren depressiven Phase kennen: das kognitive Verzerren der Realität, das einem sagt, Abwesenheit sei das Beste für alle.

Was ihn hielt: seine Pferde. Jeden Morgen stand er für sie auf – nicht für sich. Und jeden Morgen war er froh, aufgestanden zu sein.

Guy sagt: „Schau zurück auf die schwierigen Dinge, die du bereits gemeistert hast. Denn die zeigen dir, was du kannst.“

Resilienz entsteht nicht durch das Vermeiden von Krisen. Sie entsteht durch das Durchleben und Überstehen von Krisen – und das bewusste Erinnern daran.

Als Stressmanagement-Ansatz ist das konkret und wirksam: Wenn der Druck steigt, hol dir deine eigene Erfolgsgeschichte zurück ins Bewusstsein. Nicht als Eigenlob. Sondern als Beweis.

 

Der Aufwand von heute ist die Freiheit von morgen

Guy beschreibt etwas, das ich in meiner Arbeit mit Führungskräften immer wieder sehe: Die Unfähigkeit, langfristig zu denken, wenn der kurzfristige Druck zu groß ist.

Sein Gegenmittel ist radikal simpel: Er denkt an das, was er heute mit seinen jungen Pferden erarbeitet, und stellt sich vor, wie er sich in einem Jahr dafür bedanken wird.

„Der Guy von heute, der trotz Erschöpfung diese Arbeit macht, ist derjenige, dem ich in einem Jahr danke.“

Das ist keine Motivationsphrase. Das ist eine kognitive Strategie gegen das Sofort-Belohnungs-System unseres Gehirns.

In der Stressforschung nennen wir das Zukunftsorientierung: Die Fähigkeit, Handlungen im Kontext langfristiger Konsequenzen zu bewerten und nicht nur im Licht des momentanen Aufwands. Wer diese Fähigkeit trainiert, trifft bessere Entscheidungen – für seine Gesundheit, seine Karriere, seine Beziehungen.

 

Was Guy McLean uns lehrt – ohne Pferd

Guy lebt ein Leben, das nach außen hin anstrengend und manchmal existenziell herausfordernd wirkt. Aber er hat etwas, das viele Hochleistungsträger vermissen: Klarheit darüber, was ihn antreibt, was ihn regeneriert und was ihn erdet.

Die Lektionen aus unserem Gespräch lassen sich direkt übersetzen:

 

Präsenz ist kein Luxus, sondern Pflege. Finde tägliche Aktivitäten, die deinen Kopf vollständig beschäftigen – nicht als Ablenkung, sondern als echte Erholung.

Dein Körper kennt dein Limit besser als du. Hör auf ihn, bevor er aufhört zu warten.

Energie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie kommt von dem, was dir wirklich wichtig ist. Schütze diese Quellen.

Resilienz ist rückwärtsgewandte Stärke. Was du bereits überstanden hast, ist dein stärkstes Argument dafür, dass du auch das hier schaffst.

Heute investieren, morgen ernten. Das gilt für Pferde. Und für deine Gesundheit.

 

Das Gespräch mit Guy war eines dieser seltenen Interviews, nach dem ich noch tagelang nachgedacht habe. Nicht weil es neue Erkenntnisse geliefert hätte – sondern weil es uralte Wahrheiten in einem neuen Licht gezeigt hat.

Manchmal braucht man keinen weiteren Ratgeber, kein weiteres Framework. Manchmal braucht man jemanden wie Guy, der einfach zeigt, wie es geht – mit Pferdescheiß an den Stiefeln und echter Überzeugung im Blick.

 


Du willst mehr dazu hören? Hier geht’s zur Episode (KOPFSACHE Nr. 170):

 


Über die Autorin

Patricia Zinnecker ist zertifizierte Stress-Managerin, geprüfte IHK Managerin für Betriebliches Gesundheitsmanagement, ehemalige Burnout-Betroffene und heute Burnout-Coach. Sie hilft High Performern und Führungskräften leistungsfähig zu bleiben ohne auszubrennen: Mit Coaching, Vorträgen und Workshops rund um Burnout-Prävention und Selbstführung. Außerdem betreibt sie einen Podcast und hat bereits zwei Bücher veröffentlicht.

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